Sitzungstheater

Kennt ihr diese Sitzungen, in denen man irgendwann merkt, dass man eigentlich einer kleinen Theateraufführung beiwohnt? Nicht absichtlich natürlich — das Ensemble bildet sich ganz von allein.

Da sitzt der Paragraphen‑Orakel, der alles weiß, bis man nach dem konkreten Paragraphen fragt. Dann wird aus der großen Sicherheit plötzlich ein leises „reiche ich nach“. Die Rechtslage ist offenbar ein scheues Wesen.

Daneben der Vollstreckungsoptimist. Er hat für alles eine Lösung, aber für nichts Zeit. Sein Standardsatz: „Da müsste man mal schauen.“ Und meistens schaut dann jemand anderes.

Die Personal‑Seismografen melden zuverlässig jede Überlastung, jeden Engpass und jede kleine tektonische Verschiebung im Team. Man könnte meinen, sie seien das Frühwarnsystem einer Organisation, die Warnungen gern sammelt, aber selten verarbeitet.

Der Aufgaben‑Zyniker hält das alles für übertrieben. In seiner Welt sollen „die einfach ihre Arbeit machen“. Wenn das nicht klappt, macht es jemand, der ohnehin schon zu viel hat. Ressourcenplanung ist für ihn ein Wellnessangebot.

Der Präsentations‑Vollender trägt vor, als wäre die Sitzung eine Live‑Sendung. Alles ist fertig, alles ist klar, bitte keine Rückfragen. Wer trotzdem eine hat, fühlt sich wie jemand, der mitten in eine Übertragung stolpert.

Und dann gibt es den Protokoll‑Alchemisten. Er verwandelt klare Aussagen in Formulierungen, die so weich sind, dass man sie kaum noch greifen kann. Aus „Du machst das bis Freitag“ wird „Die weitere Bearbeitung wird zeitnah geprüft.“ Verantwortung löst sich auf wie ein Stück Zucker im Tee.

Am Ende hat man viel gesprochen, wenig entschieden und einen Satz im Protokoll, der alles sagt und nichts bedeutet: „Das nehmen wir zur weiteren Klärung mit.“

Ich liebe dieses System. Es ist so zuverlässig wie ein Uhrwerk – nur ohne Uhrzeit.

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